Der Blog zum Magazin

Es ist Nacht. Faust ist betrübt, weil er erkannt hat, wie wenig er doch weiß. Also wendet er sich an das, was auch »Magie« genannt wird. In der Hoffnung, dank ihr die Geheimnisse der Natur zu entziffern, spricht Faust den legendär gewordenen Satz aus: »Dass ich erkenne, was die Welt im Innersten zusammenhält«.

Es muss vielleicht nicht gerade die Weltformel sein, nach der wir in unseren Büchern jagen. Doch Zusammenhänge erkennen, Hintergründe beleuchten, in Abgründe schauen, ungewöhnliche Perspektiven aufzeigen, Komplexität reduzieren, zu Debatten anregen – ja, das schon, und noch viel mehr. Und dafür braucht es auch keine übersinnlichen Kräfte. Es sei denn, man  bezeichnet klare Ansichten, hohe Schreibkompetenz und gute Fragestellungen nicht als Fähigkeiten, die über die gewöhnliche Sinneskraft hinausgehen – sachstark sozusagen, um das Wortspiel zu gebrauchen, das dieser Rubrik und dem dazugehörigen Magazin den Namen gegeben hat.

Mit dem »Sachstark« möchten wir unsere Bücher feiern. Und natürlich auch unsere sachstarken Autorinnen und Autoren. Denn sie – Bücher und Autoren – sind nicht nur das, was unsere Welt im Innersten zusammenhält. Sie sind auch ein farbenfroher Ausdruck jener Vielfalt menschlicher Existenz, die wir unverfroren als »magisch« bezeichnen möchten.

Hier finden Sie das Sachstark als PDF zum Download.

Printausgaben können über vertrieb@ofv.ch bestellt werden.


Am Schreibtisch von Viktor Dammann – Tatort Stehpult

Freitag, 24. Mai 2019

Als Polizei- und Gerichtsreporter hat Viktor Dammann in menschliche Abgründe gesehen. Es war dann aber ein besonderes Erlebnis, als er sein Buch Das Böse im Blick zu schreiben begann.

© Nicole Bläuer Dammann

Diesmal war alles anders. Statt die Geschichte auf wenigen, »Blick« gerechten Zeilen zu erzählen, standen da plötzlich viele leere Buchseiten vor ihm. Und statt in der umtriebigen Redaktion im Zürcher Seefeld schrieb Viktor Dammann bei sich zuhause; am Stehpult, das sich im vierten Stock eines Mehrfamilienhauses in Rüschlikon bei Zürich befindet. Jetzt, da der Fall abgeschlossen ist, sagt der 69-Jährige: »Es war ein Abenteuer!«

Die Idee für das Buch trägt Viktor Dammann schon lange mit sich herum. Darum hat er auch die meisten Akten zu den wichtigsten Kriminalfällen, über die er für die Schweizer Boulevardzeitung »Blick« geschrieben hat, in einem Archiv verwahrt. 14 davon aus beinahe 40 Jahren Mord und Verbrechen lässt er in seinem Buch nochmals aufleben.

Der abgebrühte Reporter mit der hochsensiblen Wahrnehmung war erstaunt, an wie viele Details er sich während des Schreibens erinnern  konnte. Es kamen dabei auch starke Gefühle hoch, die tief in der Vergangenheit vergraben waren. Besonders eindrücklich sei das bei seinem härtesten Fall gewesen, den er für das Orell Füssli Sachbuch zum ersten Mal in dessen ganzer unheilvoller Dynamik beschrieben hat.

Und zwar ging es da um den Mord an der Ehefrau eines Mannes, den er  persönlich kannte. Dammann begleitete ihn auf der Suche nach dem Mörder, bis er realisierte, dass es der Mann selber war. Zusammen mit seiner neuen Geliebten hatte er einen Plan ausgeheckt und eiskalt ausgeführt. Das war vor mehr als 30 Jahren. Seither kann Dammann gut nachvollziehen, wenn Opfer oder deren Angehörige einfach nicht glauben wollen, welch teuflische Energien Menschen, von denen man glaubte, sie gut zu kennen, entwickeln können.

Um die Geschichten nacherzählen zu können, hat Dammann die Dokumente und Akten um sich ausgebreitet, die er über die Jahre hinweg akribisch und chronologisch in Mäppchen gesammelt hat. Manchmal reichte dafür der Platz auf dem Stehpult nicht aus. Dann breitete sich die »Mäppliwirtschaft«, wie er es nennt, auch auf dem Boden und im Wohnbereich aus. Wenn er einmal nicht mehr durchblickte, ließ er den Blick durchs Fenster schweifen, von dem aus der Zürichsee zu sehen ist.

Besonders gerne schaute er auch den Tauben zu, die in der Nische eines benachbarten Hauses nisten.

 

Seit bald 40 Jahren ist Viktor Dammann (69) Polizei- und Gerichtsreporter bei der Schweizer Boulevardzeitung »Blick«. Er hat über die unglaublichsten Kriminalfälle der Schweiz berichtet, ist in die Welt der Verbrechen eingetaucht und hat dabei in menschliche Abgründe geschaut, konnte sich manchmal jedoch ein Lächeln nicht verkneifen.


Nur bedingt umsetzbar

Freitag, 17. Mai 2019

Dominik Enste hat alle Fakten rund um das bedingungslose Grundeinkommen (BGE) geprüft. In seinem Essay Geld für alle kommt er zu einem klaren Verdikt.

 

Sachstark: Sie vergleichen das bedingungslose Grundeinkommen mit einer Herztransplantation. Warum? 

Dominik Enste: Wenn ein Mensch nicht mehr so fit ist und überlegt, wie er sich für neue Herausforderungen rüsten kann, wird er zunächst ein Fitnessprogramm ausprobieren, abnehmen oder einen gesünderen Lebensstil wählen und vermutlich zuallerletzt eine Herzoperation in Erwägung ziehen. Analog gilt für unseren Sozialstaat: Um ihn für den demografischen Wandel oder die digitalisierte Welt fit zu machen, sollten zunächst Verbesserungen des bestehenden Systems angegangen werden, statt der Gesellschaft ein nicht erprobtes, völlig neues System einzupflanzen.

 

Sie befassen sich schon seit über 20 Jahren mit dem Thema. Wie hat sich die Diskussion im Verlauf der Zeit verändert? 

Im Prinzip überhaupt nicht. Es gibt weiterhin kaum belastbare Zahlen, und die Befürworter argumentieren vor allem ideologisch.

 

Ihr Sohn, schreiben Sie im Vorwort, war anfänglich begeistert, als Sie ihm davon erzählten. Später aber hatte er große Zweifel. Wie lautet Ihre Bilanz? 

Mir geht es sehr ähnlich. Die anfängliche Begeisterung hat sich – je mehr ich mich mit dem BGE befasst habe – in Ablehnung und Skepsis verwandelt. Ich könnte mir schon eher ein bedingtes Grundeinkommen vorstellen.

 

Prof. Dr. Dominik Enste ist Wirtschaftsethiker und Verhaltensökonom an der TH Köln und im IW Köln. Zudem ist er Geschäftsführer der IW Akademie sowie Mitglied der Jury des Forschungspreises des Roman Herzog Instituts in München. Er zählt laut FAZ-Ökonomen- Ranking zu den 100 einflussreichsten Ökonomen in Deutschland.


Die reisenden Arten

Freitag, 3. Mai 2019

Vom Kirschlorbeer bis zum Asiatischen Marienkäfer: Die Diskussion um invasive Pflanzen- und Tierarten polarisiert. Atlant Bieri dagegen bleibt sachlich – und hat viele interessante und überraschende Geschichten zu bieten.

 

Wussten Sie, dass Containerschiffe einen großen Einfluss auf die Verbreitung von invasiven Arten haben? Wenn die Schiffe ohne Ladung unterwegs sind, werden die Ballastwassertanks gefüllt. Sie machen das Schiff schwerer, damit es nicht kentert. Mit dem Meerwasser, das in die Tanks gepumpt wird, reisen aber auch Larven von Krabben, Muscheln, Seesternen und Fischen mit. Diese werden dann am Zielhafen wieder freigelassen. Einige davon konnten sich so Tausende von Kilometern von ihrer angestammten Heimat als invasive Art entwickeln.

Und auch ein harmlos wirkendes domestiziertes Tier wie die Ziege, kann als invasive Art in anderen Teilen der Welt großen Schaden anrichten. Sie wurde als Fleischlieferant von den Entdeckern und Eroberern mitgeführt und als Vorrat auf den verschiedensten Inseln freigelassen, dort konnten sie sich ungehemmt vermehren, da sie keine natürlichen Feinde hatten. Dies führte zum Beispiel in Galapagos dazu, dass man die Ziegen in einer langjährigen Aktion abschießen musste, da sie sonst das ganze Ökosystem der Inseln zerstört hätten.

Eine weitere invasive Art, die sich mittlerweile in ganz Deutschland verbreitet hat, sind die Waschbären. Während des Zweiten Weltkrieges wurde nämlich ein Waschbärengehege von einer Bombe getroffen, worauf die Tiere entkommen konnten. Die Schäden, die Waschbären verursachen, kosten jedes Jahr viel Geld. Mit diesen und vielen weiteren Beispielen liefert das Buch einen spannenden Kontrapunkt zur emotional geführten Debatte. Dafür wurde »Natur aus den Fugen?« zum Wissenschaftsbuch des Jahres 2019 nominiert.

Globi und die neuen Arten

Atlant Bieri hat zum gleichen Thema auch ein Kindersachbuch geschrieben: »Globi und die neuen Arten – Wenn Pflanzen und Tiere auf Weltreise gehen«. Darin reist die traditionsreiche Zeichenfigur um die Welt, lernt dabei neue Pflanzen und Tiere kennen und notiert sich, was gegen deren unkontrollierte Verbreitung unternommen werden kann.

 

Der Autor Atlant Bieri ist Wissenschaftsjournalist. Unter anderem schreibt er für die »NZZ am Sonntag«, die »Süddeutsche Zeitung« und »WIRED«. Er hat Umweltwissenschaften studiert und befasst sich seit über zehn Jahren mit dem Problem der invasiven Pflanzen- und Tierarten.


(G)Artenvielfalt

Eine Ausstellung der besonderen Art bietet der Schaugarten in Dietikon bei Zürich: ein Garten, der ohne invasive Neophyten, also gebietsfremde Pflanzen auskommt. Vom 10. Mai 2019 bis Ende November 2020 ist der Schaugarten frei zugänglich. Die Besucher werden für das Thema sensibilisiert, und es gibt ein spezielles Programm für Kinder und Jugendliche.

Weiter Informationen zum Garten und dem vielfältigen Programm finden Sie unter www.gartenvielfalt.org.


Köbi Kuhn: Ein Leben mit viel Spielraum

Mittwoch, 24. April 2019

75 Jahre Siege und Niederlagen, Lieben, Leiden, Lachen. Köbi Kuhn, einer der erfolgreichsten Fußballer und Trainer, den die Schweiz je hatte, erzählt seine bewegte Lebensgeschichte.

 

Schon als kleiner Junge war der Fussball Köbi Kuhns grosse Leidenschaft.

Mit dem Zürcher Traditionsverein FCZ feierte er als Spieler Meistertitel und Cupsiege.

Die 17 glorreichen Jahre von Köbi Kuhn beim FCZ in Zahlen:

  • Rückennummer 6
  • 6 Meistertitel
  • 5 Cupsiege
  • 2 Halbfinale im Europacup der Meister
  • 396 Spiele in der höchsten Schweizer Klasse
  • 8 Trainer
  • 1 Platzverweis

Von 2001 bis 2008 trainierte er die Schweizer Nati – und machte sie beim Publikum wieder beliebt.

Das Geschenk zum 75. Geburtstag: Eine nachdenkliche Betrachtung über ein Leben mit vielen Höhen und Tiefen auf und neben dem Fussballplatz.

Köbi Kuhn. Die Autobiografie mit über 100 Bildern.


500 Jahre Orell Füssli Verlag

Freitag, 12. April 2019

Im Jahr 1519 erhält der Drucker Christoph Froschauer das Zürcher Bürgerrecht. So feiert der Orell Füssli Verlag dieses Jahr sein 500-jähriges Bestehen. Der Firmenname stammt von den Familien Orell und Füssli, welche das Unternehmen im 18. Jahrhundert übernahmen. Das erste große Werk von Froschauer war Huldrych Zwinglis »Zürcher Bibel«. Es folgen bahnbrechende Publikationen wie die ersten deutschsprachigen Übersetzungen von Miltons »Paradise Lost« und den Hauptwerken von Shakespeare. Der aufkommende Tourismus bringt neuen Erfolg mit Reiseführern. Im 20. Jahrhundert prägten die Bücher des Historikers Rudolf von Salis das Programm. Heute besteht das Verlagsprogramm aus vier Segmenten: Lernmedien, Juristische Medien, Kinderbuch und Sachbuch.

 

Zum Jubiläum erscheint das Buch 500 Jahre Drucken.

Unter https://ofv500.ch finden Sie viele weitere Informationen zur Geschichte von Orell Füssli.

 

Hightlights der Verlagsgeschichte

Christoph Froschauer war der erste gelernte Drucker der Stadt Zürich. Er stammte aus Bayern und erhielt 1519 das Bürgerrecht. Im gleichen Jahr wurde Huldrych Zwingli ans Grossmünster berufen. Die beiden Männer verstanden sich gut, und 1531 erschien Zwinglis berühmte »Zürcher Bibel«.

Christoph Froschauer hatte eine Buchablage an der Frankfurter Messe, um die Verbreitung seiner Werke zu sichern. Als er 1564 an der Pest starb, hatte er über 700 Bücher verlegt.

Im 17. Jahrhundert übernahm die Familie Bodmer den Verlag und verlegte um 1622 die erste Zeitung in Zürich.

Der Verleger Hans Heinrich Bodmer war eine aufmüpfige Natur. Er protestierte gegen die Obrigkeit und die Zensur. 1721 wurde er aus Zürich verbannt und starb 1743 im Exil im preußisch regierten Neuenburg.

1732 machte Johann Jakob Bodmers Übersetzung von John Miltons »Paradise Lost« Furore.

1762 erschien im Verlagshaus Orell, Gessner & Co. zum ersten Mal eine Shakespeare-Ausgabe auf Deutsch.

1778 erschien die erste vollständige Übersetzung von Homers Werk. Sie hatte großen Einfluss auf die Weimarer Klassik. Die internationale Ausstrahlung des Verlages machte Zürich zum »Limmat-Athen«. Die Stadt zog Gelehrte und Schriftsteller wie Johann Wolfgang von Goethe und Friedrich Gottlieb Klopstock an.

Salomon Gessner gründete 1780 die «Zürcher Zeitung». Sie wird 1821 in

»Neue Zürcher Zeitung« NZZ umbenannt und 1868 verselbständigt.

Durch die Gründung der Universität Zürich (1833) und ein neues Volksschulgesetz entstand ein Schwerpunkt bei Sachbüchern und wissenschaftlichen Werken.

Orell Füssli gab die passenden Reiseführer für den aufkommenden Tourismus heraus. In der Reihe »Europäische Wanderbilder« kamen zwischen 1876 und 1923 nicht weniger als 414 Bände heraus.

Orell Füssli Sachbücher zu politischen und gesellschaftlichen Themen leisten bis heute einen anregenden, gelegentlich kontroversen Beitrag zu aktuellen Diskursen.

Zwingli-Bibel 1531

Christoph Froschauer
nach einem Gemälde
von Hans Asper, 1556

Johann Jakob Bodmers
Übersetzung von John Miltons
»Paradise Lost«, 1732

Erste Shakespeare-Ausgabe
auf Deutsch, 1762

Verlagssignet, 19. Jh.


Das neue Buch von Comedian Kaya Yanar

Freitag, 5. April 2019

Comedian Kaya Yanar plädiert dafür, das Leben mit Abstand und Ironie zu betrachten – eingeschlossen sich selber. »Schließlich kommt hier keiner von uns lebend raus.«

 

Sachstark: Herr Yanar, erinnern Sie sich an den Moment, als Sie realisierten, dass Sie einen ausgeprägten Sinn für Humor haben?

Kaya Yanar: Ja, als ich das erste Mal meine Eltern erblickte. Da dachte ich: »Komiker oder Klapse.«

 

Wird die Sache ernst, wenn man Komik zum Beruf macht?

Ja, aber nicht von einem selbst, sondern der Ernst wird an einen herangetragen. TV-Sender sind mir ein Graus! Lauter unsichere Angsthasen, die von Comedy keine Ahnung haben. Da vergeht einem der Spaß …

 

Viele im Publikum lachen schon, wenn Sie die Bühne betreten; ohne dass Sie etwas sagen. Woran liegt das?

Ich glaube, das ist mein Knautschgesicht. Manche Leute haben einfach ein Funny Face. Mir geht es zum Beispiel so mit Rowan Atkinson alias Mr. Bean.

 

Eines Ihrer Markenzeichen ist, Eigenheiten unterschiedlicher Nationalitäten zu karikieren. Etwa mit den Figuren Hakan aus der Türkei und Ranjid, dem Inder. Warum kommt das so gut an?

Weil uns allen die Eigenheiten auffallen und wir nicht wissen, wie wir damit umgehen sollen. Vor allem in Deutschland wird immer hinterfragt, ob und was alles politisch korrekt ist. Ich pfeife auf politische Korrektheit und erzähle, was ich lustig finde. Anscheinend darf ich das. Deswegen kommt das wohl gut an. Ich kann Witze machen, die kein anderer machen darf …

 

Sogar die Schweizer lieben es, von Ihnen durch die Schokolade gezogen zu werden. Dabei gelten sie als nicht besonders kritikresistent. Oder ist das ein falsches Bild?

Durch die Schokolade? Hahaha, das ist der feine Unterschied zu Deutschland: Da wird man höchstens durch den Kakao gezogen. In der Schweiz durch feine Schweizer Schokolade! Lecker! Ich weiß nicht, ob die Schweizer als kritikresistent gelten, auf jeden Fall gelten sie bei mir als äußerst humorwillig! Die dreijährige Tour »Reiz der Schweiz« war komplett ausverkauft und ich hätte noch weiterspielen können. Und die Stimmung war sensationell gut: Die Leute haben sehr gerne über sich selbst gelacht! Wirklich ein erstklassiges Publikum.

 

Ihre Frau haben Sie per Zufall in Zürich kennengelernt. »Hallöchen« sagten Sie zu ihr, wie Sie im Buch mit viel Selbstironie verraten …


Ja, peinlich, nicht wahr? Dass daraus mal eine Ehegemeinschaft werden würde … Aber so ist das nun mal im Leben. Damit war nicht zu rechnen. Und ausgerechnet eine Schweizerin, wobei ich einige Jahre zuvor noch über die zweifelhafte Erotik des Schwyzerdütsch gelästert hatte. Da hat sich Helvetia gedacht: »Na warte, Bursche!«

 

Als Türke schauen Sie auf die Deutschen. Als Deutscher auf die Schweizer. Und jetzt machen Sie sich in ihrem Buch als Schweizer Deutschtürke über Kaya Yanar lustig. Wohin führt das noch?

In die Geschlossene. Die einzige Art und Weise, das politisch korrekte Gleichgewicht zu halten, ist, sich über jeden lustig zu machen, inklusive sich selber. Es ist nun mal ein spezielles Lebensgefühl, das Leben mit Abstand zu betrachten. Am besten mit ironisch humorvollem Abstand. Schließlich kommt hier keiner von uns lebend raus.

 

»Hör uf«, bekommen Sie von Ihrer Frau öfters zu hören, weil Sie so impulsiv sind und schlecht aufhören können. Hat deshalb auch Ihre Frau das letzte Kapitel geschrieben?

Ja, sie hat ohnehin immer das letzte Wort. Ganz zu Recht! Sie ist viel klüger und gebildeter als ich, außerdem hat sie die viel größere psychologische Reife, obwohl sie gerade erst volljährig geworden ist … Kleiner Scherz. Im Ernst, ich habe großen Respekt vor meiner Frau, schon alleine deswegen, weil sie dieses Interview lesen könnte.

 

Im Buch lernen wir, dass Sie unbedingt Kinder haben möchten. Glauben Sie, dass die Welt eine Zukunft hat?

Ich bin da skeptisch, aber der Mensch hat sich als zähes Wesen herausgestellt, und mir ist es ohnehin ein Rätsel, warum es uns noch gibt. Aber meine Frau ist ein so toller Mensch, dass ich gerne mehr von ihrer Sorte auf der Welt hätte.

 

Sie verfügen über einen gewitzten Blick für das Trennende zwischen den Ländern. Gibt es etwas, das alle vereint?

Das Wort »Liebe« gibt es in jeder Sprache.

 

Kein besonders geeigneter Stoff, um sich darüber lustig zu machen – oder doch?

Sicher, kennen Sie den Unterschied zwischen Liebe und Ehe? Liebe macht blind, Ehe ist der Augenöffner. Oh Mist, hoffentlich liest das meine Frau nicht!

© Nadine Dilly


Der verlegerische Taktgeber

Montag, 25. März 2019

Stephan Meyer hat sich als Lektor bei großen deutschen Verlagen einen Namen gemacht. Seit 2012 ist er für das Programm Sachbuch im Orell Füssli Verlag zuständig. Wir wollten von ihm wissen, was er besonders gerne macht und ob er auf Erfolge wettet.

 

Könnten Sie ganz kurz Ihre Arbeit beschreiben?

Ich suche nach ausdrucks- und meinungsstarken Autoren und Autorinnen beziehungsweise nach Themen, Stoffen und Thesen, die lebendig erzählt sind und von denen ich glaube, dass sie viele interessieren könnten. Ich redigiere Manuskripte, unterstütze meinen Autor oder meine Autorin in den schwierigen Momenten der Manuskripterstellung und versuche, mit meinem Kollegium die richtige Form für das Buch zu finden – also etwa die Wahl des Einbands, das Format, Erscheinungstermin etcetera.

 

Was machen Sie dabei am liebsten?

Am meisten genieße ich den Moment, an dem ich einer Autorin oder einem Autor das erste Exemplar ihres beziehungsweise seines Buches übergeben kann.

 

Kritik an Texten vorzunehmen, ist gewiss nicht immer einfach. Wie erleben Sie die Beziehung zwischen Lektorat und den Autorinnen, Autoren?

Die Beziehung zu Autorinnen und Autoren ist so vielfältig wie die Charaktere, mit denen man es zu tun bekommt. Es gibt die Sensiblen ebenso wie die Beratungsresistenten, die Unzuverlässigen wie die Übereifrigen, die Arroganten und die Zauderer, die Aufbrausenden wie die Sanften, die Klugen wie die Blender. Für alle braucht es unterschiedliche Formen des Gesprächs und der Zuwendung, der Begleitung und der Geduld. In unserem Job ist Menschenliebe ziemlich hilfreich.

 

Warum haben Sie die Welt der Sachbücher gewählt und nicht Belletristik?

Ich habe in beiden Bereichen gearbeitet und musste mich irgendwann schon allein aus Gründen der Arbeitsbelastung für einen Bereich entscheiden. Ich glaube, damals erschien mir die Welt der Sachbücher irgendwie rationaler, weniger von persönlichen Vorlieben und individuellem Geschmack abhängig, als ich dies in der Belletristik erlebte. Aus heutiger Sicht erscheint mir diese Unterscheidung eher zweifelhaft, obwohl ich auch heute noch glaube beobachten zu können, dass der emotionale »Erregungswert« einer Erzählung oder eines Romans im durchschnittlichen Vergleich immer noch deutlich höher liegt, als sich dies beim Sachbuch beobachten ließe.

 

Sie arbeiten schon lange als Lektor. Wie hat sich die Branche im Verlaufe der Jahre verändert?

Sie ist kurzatmiger, ängstlicher, verzagter, in gewisser Weise ratlos und innovationsskeptischer geworden. Wir kreisen viel um uns selbst, verstehen es kaum, uns in der Öffentlichkeit als Quelle der Anregung, Entspannung, der Inspiration und des Austauschs zu inszenieren. Das hat natürlich nicht zuletzt viel mit sinkenden Absatzzahlen, schrumpfenden Käufergruppen, verschwindenden Buchhandlungen, Fixierung auf bewährte Autoren und deren Themen zu tun. Es ist aber noch mehr. Uns eignet, zumindest für meinen Geschmack, eine übertrieben sehnsüchtig-melancholische Verklärung der Vergangenheit an und eine allzu grosse Bedenkenhaftigkeit vor Veränderung. Beispielhaft dafür ist, wie in der Branche das Aufkommen des Internets oder des E-Books aufgenommen wurde. Lange Zeit wurde dies mit den gleichen Argumenten diskutiert wie einige Jahre zuvor das Aufkommen der Hörbücher oder die Geburt der großen Buchhandelsketten. Primär als Beschädigung der Buchkultur und Gefährdung des Bewährten. Ich mag mich täuschen, aber mir scheint, dass viele großen Veränderungen in der Branche reflexartig zunächst als Bedrohung – nicht neugierig oder gar als Chance – betrachtet wurden. Übertrieben formuliert: Man möchte zwar schon, dass es besser wird, aber es soll sich nichts ändern.

 

Seit einiger Zeit wird bemängelt, dass das Lektorat an Bedeutung verliert. Sehen Sie das auch so?

Ja, neu ist dies allerdings keineswegs. In vielen Köpfen werden die Lektorate zwar durchaus immer noch als verlegerische Taktgeber oder als eine Art Programmchef betrachtet, doch sind sie dies nur vordergründig. Die eigentlichen »Herrscher« sind die Controller, ihre Entscheidungen und Empfehlungen beeinflussen das Verlagsgeschehen in weitaus stärkerem Masse und langfristiger als jede Entscheidung für oder gegen ein Buch. Um nicht missverstanden zu werden: Controlling ist, wenn es klug und in Kenntnis um die Eigenheiten unserer Branche betrieben wird, überaus hilfreich und wichtig. Doch es hat eben auch in vielen Verlagshäusern bedenkliche Entwicklungen eingeleitet. Dazu gehört unter anderem die personelle Ausstattung der Lektorate. Man betrachtete diese allzu oft als bestenfalls liebenswerte, jedoch weltferne Idealisten, die von Betriebswirtschaft keine Ahnung haben und auch nicht haben wollen. Fast jeder ältere Lektor oder Lektorin hat sich schon mal sagen lassen müssen: »Sie haben hier keinen Kulturauftrag, sondern sollen Profit machen«, oder Varianten davon. Schon Anfang der Neunziger ließ man freiwerdende Lektoratsstellen gern möglichst lange unbesetzt oder erhöhte bestenfalls die Personalstärke in Marketing oder Vertrieb. Das Buchmachen betrachtet man eben nicht als »Problem«, Verkaufen hingegen schon.

Die Folge: Weniger Lektoren müssen nun mehr Titel, grössere Textmengen sowie mehr Autoren und Autorinnen begleiten. Das lässt ein Lektorat im klassischen Sinne gar nicht mehr zu. Es ist heute fast unmöglich geworden, unbekannte Autorinnen oder Autoren und ihre Texte über mehrere Jahre zu begleiten und aufzubauen. Reüssiert ein Autor nicht gleich mit seinem ersten Buch, wird er in seinem Verlag kaum mehr die Chance auf einen zweiten oder gar dritten Anlauf bekommen. Man hat inzwischen verdrängt, dass die »Big Names« von heute die »No Names« von gestern waren. Diese Kurzatmigkeit, die überbordenden, qualitativ häufig mangelhaften Textmengen und einige zusätzliche Aufgaben drängen die Lektorate in eine beständige Überarbeitung und gehetzte Betriebsamkeit, die weder ihnen noch ihrem Verlag, geschweige denn ihren Autoren und deren Texten gut tut.

 

Gibt es ein Buch, das Sie unbedingt noch machen wollen?

Da gibt es schon noch so zwei, drei Ideen – aber ich möchte meinen Verlag doch lieber nicht erschrecken. (lacht)

 

Wetten Sie auf Erfolge? Oder ist es immer eine Lotterie, ein Buch zu veröffentlichen?

Nein, das tu ich schon lange nicht mehr. Die Arroganz der Jugend ist längst der Bescheidenheit der Erfahrung gewichen. Ich bilde mir bestenfalls ein, zu wissen, was man bei einem Buch lieber vermeiden sollte. Doch das Rätsel des Mechanismus, der ein Buch zwangsläufig zum Erfolg führt, bleibt unergründlich.

 

Welche drei Bücher würden Sie auf die Insel mitnehmen?

Als Schiffbrüchiger? Nun: G. Buzek: »Das große Buch der Überlebenstechniken«; Robert Gernhardt: »Hell und schnell. 555 komische Gedichte aus 5 Jahrhunderten«; Ted Moores: »Die Kunst, ein Kanu zu bauen«.


Stichwort: Sachbuch

Mittwoch, 20. März 2019

Was ist eigentlich ein Sachbuch? Wollen wir uns das Leben einfach machen, folgen wir bei der Beantwortung dieser Frage am besten den Engländern. Sie haben für Bücher nämlich zwei höchst simple Kategorien geschaffen: Fiction und Non-Fiction. Also alles, was erfunden (fictum, lat.) ist, kommt in ein Regal. Alles Nicht-Erfundene in das andere. Im Deutschen haben wir nicht nur offiziell drei Regale – Belletristik, Sachbuch, Fachbuch –, sondern auch einen längeren und komplizierten Disput darüber, wie nun das eine oder andere zu definieren ist. Und wie sich das eine vom anderen abgrenzt. Zum Beispiel: Stellt ein Sachbuch eine »Sache« einfach nur dar oder darf diese »Sache« auch in eine Erzählung eingebunden sein? Wer sich für solche Fragen interessiert, dem sei die Website sachbuchforschung.de empfohlen, an der drei namhafte deutsche Universitäten beteiligt sind.

Sachbuchartige Schriften gab es bereits in der Antike. Aber erst mit der Aufklärung im 18. Jahrhundert wurde das Sachbuch auch zu einer ernst zu nehmenden Sache. Logisch! Wollte man damals doch die Menschen zu vernünftigem, selbstständigem Denken erziehen. Mittels eines Sachbuchs konnte man zum Beispiel ganz einfach erklären, wie Naturphänomene entstehen – und dass nicht böse oder gute Geister dafür verantwortlich sind. So richtig abgehoben haben die Sachbücher aber erst nach dem Zweiten Weltkrieg, als man wieder an die Welt zu glauben begann.


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